“Ain’t Them Bodies Saints” – Kritik

ATBS-Poster

Autor: Leonhard Balk

Magic Hour. So nennt man in Filmkreisen die Stunde vor Sonnenuntergang und nach Sonnenaufgang, wenn der Himmel von einem rötlichen Ton durchdrungen ist. Besonders beliebt ist dieses Zeitfenster bei Filmemacher Terrence Malick, dessen Film „Days of Heaven“ fast ausschließlich zu diesen Stunden gefilmt wurde. Diese ästhetische Wahl verleiht den Bildern seines Films eine wundersame, meditative Qualität, in der die individuellen Figuren mit ihrer Umgebung eins werden. Die Landschaft spielt in Malicks Beziehungsdrama somit eine ausschlaggebende Rolle. In den Feldern und Hügeln dieser Landschaft bewegen sich die Charaktere der Handlung in oft nachdenklichen, manchmal gewalttätigen Bahnen. Diese Gewaltausbrüche sind umso schockierender und effektiver, da man sich immer noch in einem kontemplativen, besinnlichen Zustand befindet. Es entsteht eine Atmosphäre, die vor Spannung nur so knistert. David Lowery versteht es in „Ain’t Them Bodies Saints“ in genau diesem Sinne einzelne Bilder für sich sprechen zu lassen. So benutzt auch er die vielseitigen Eigenschaften der Magic Hour, um die Schönheit und Brutalität der texanischen Wildnis widerzuspiegeln. Hier ist also von Anfang an klar, dass es neben stillen, besinnlichen Momenten auch zu tödlichen Auseinandersetzungen kommen könnte. Als Einleitung für das bevorstehende Geschehen begnügt sich Lowery treffenderweise mit einem einfachen Schriftzug, der gleichzeitig vieles erklärt: „This Was In Texas“.

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In den 70er Jahren wird das Verbrecherpaar Ruth Guthrie (Rooney Mara) und Bob Muldoon (Casey Affleck) von der Polizei nach einem misslungenem Überfall umzingelt. Aus Versehen verletzt die schwangere Ruth mit einem ihrer Schüsse den Polizisten Patrick Wheeler (Ben Foster). Um seiner Geliebten ein Leben mit ihrem gemeinsamen Kind zu ermöglichen, nimmt Bob alle Schuld auf sich. Er verspricht Ruth jedoch, dass sie sich sobald wie möglich wiedersehen werden…

Soweit klingt eigentlich alles nach einem Hollywood-typischen Liebesdrama. Doch Regisseur und Drehbuchautor Lowery lässt sich für seinen Film etwas ganz ungewöhnliches einfallen und vermeidet konsequent große, überschwängliche Emotionen. Hier wird nicht im Regen geküsst oder sich stürmisch umarmt. Stattdessen präsentiert uns Lowery vielmehr eine respektvolle Untersuchung der Einsamkeit seiner Charaktere. Die junge Mutter Ruth stützt sich voll und ganz auf ihre kleine Tochter, die sowohl als Ersatz als auch als ständige Erinnerung an ihren abwesenden Geliebten dient. Der von Sehnsucht angetriebene Bob bricht aus dem Gefängnis aus und tut alles erdenkliche, um sich ein normales Leben mit seiner Familie zu verschaffen. Außerdem gibt es da noch den Polizisten Wheeler, der sich als Beschützer Ruths sieht und sich langsam zwischen das einstige Verbrecherpaar stellt. Obwohl hin und wieder vereinzelte Regie-Unsicherheiten in seinem Film zu finden sind, inszeniert Lowery die Szenen dieses Dreiecksdramas mit so viel Feinfühligkeit, wie es man es sonst von renommierten Filmemachern wie Wong Kar-Wai („In The Mood For Love“) oder eben Terrence Malick gewohnt ist.

Für diese gelungene Darstellung sind zum einen natürlich Mara, Affleck und Foster verantwortlich. Vor allem Rooney Mara schafft es, sich nach ihrer Oscar-Nominierung für „Verblendung“, noch mehr als eine der talentiertesten, jungen Schauspielerinnen Amerikas zu etablieren. Doch ein großer Teil des Beziehungsdramas wird unterschwellig mit dem Schnitt gelenkt. Nachdem er schon mit seiner Cutter-Arbeit an Shane Carruths „Upstream Color“ erfolgreich erzählerische Verbindungen mit metaphernreichen Bildern erzielen konnte, schafft Lowery nun in seinem eigenen Film Ähnliches. Denn obwohl seine drei Hauptfiguren fast nie in den gleichen Szenen zu sehen sind, wird das Dreiecksdrama geschickt mit zurechtgeschnittenen Gefühls-Collagen verknüpft. Die große Errungenschaft dieser Inszenierung wird einem erst langsam bewusst als sich Bob auf seinen schwierigen Heimweg macht. Im Gegensatz zu den Liebesdramen Hollywoods ist man sich nämlich nicht sicher wer gut und wer böse ist. Verdienen es Ruth und Bob wirklich zusammen ein normales Leben zu führen, oder sollte sich Ruth von dem Vater ihrer Tochter fernhalten?

Fazit: An der Oberfläche ein Mix aus „Badlands“ und „Bonnie und Clyde“, kann sich „Ain’t Them Bodies Saints“ aufgrund seiner engagierten Darsteller und einer feinfühligen Inszenierung aus der großen Masse archetypischer Hollywood-Dramen hervorheben.

Wertung: 7/10 Punkte

Regisseur: David Lowery Drehbuchautor: David Lowery Kamera:  Bradford Young Schauspieler: Casey Affleck; Rooney Mara; Ben Foster; Keith Carradine; Charles Barker Laufzeit: 96 Minuten

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