“Gone Girl – Das perfekte Opfer” – Kritik

PosterAutor: Patrick Kunze

Als wir vergangenen Sonntag die dritte Ausgabe unseres Cinemathreesixty-Podcasts aufnahmen, waren wir drei Autoren (Martin, Leonhard und Patrick) uns in einer Sache einig: „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ wird eines der ganz großen Kino-Highlights 2014. Wir alle hatten den neuen Film von Meisterregisseur David Fincher in unserer Must-See-Liste und waren in freudiger Erwartung des baldigen Kinostarts. Und einmal mehr beweist der Erschaffer solcher Meisterwerke wie „Sieben“, „Fight Club“ oder „Zodiac“ das auf ihn mehr als Verlass ist. Denn „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist nicht nur ein außergewöhnlich brillant inszenierter Psycho-Thriller, sondern gleichzeitig auch die Dekonstruktion einer zerrütteten Ehe, eine giftig-beißende Mediensatire, ein stark gespieltes Charakterdrama (Rosamund Pike!!!) und schlussendlich auch ein Blick in die finstersten Abgründe der menschlichen Seele – für mich persönlich schon jetzt der beste Film des Kinojahres 2014.

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Vordergründig spielen Nick (Ben Affleck) und Amy Dunne (Rosamund Pike) das glückliche Vorstadt-Ehepaar. Doch die rosigen Zeiten sind schon lange vorbei. Seit Nick seinen Job als Journalist in New York verloren hat, bewegt sich die Ehe, des eigentlich so gut zusammenpassenden Paares, auf dünnem Eis. Die Situation wird noch verschlimmert, nachdem die beiden aufgrund der Krebserkrankung von Nicks Mutter nach Missouri ziehen, denn Amy fühlt sich in der neuen Umgebung nicht nur fremd, sondern fängt an, an der Liebe ihres eigentlichen so wundervollen Ehemanns zu zweifeln. Als Amy eines Morgens spurlos verschwindet, deutet schnell alles auf eine Entführung hin und nachdem die Suche nach Verdächtigen mehr oder weniger in einer Sackgasse endet, gerät Nick selbst in den Fokus der Ermittler. Auch die Medien haben den extrem unterkühlten und emotionslosen Ehemann als ihr Opfer ausgemacht und führen das Lamm langsam aber sicher zur Schlachtbank. Doch nichts ist wie es auf den ersten Blick zu sein scheint…

„Doch nichts ist so wie es auf den ersten Blick zu sein scheint…!“

Dieser Satz gilt möglicherweise für keinen Regisseur so sehr wie für David Fincher. Der Amerikaner ist ein Spezialist für brutale Wendungen, Fallen und Spielereien die dem Zuschauer ein ums andere Mal starkes Kopfzerbrechen bereiten. Auch „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ macht hier keine Ausnahme. Fincher führt uns mehr als einmal gekonnt an der Nase herum, ohne es dabei aber zu übertreiben. Die Wendungen bleiben nachvollziehbar, schlüssig und wirken zu keinem Zeitpunkt aufgesetzt. Doch hinter „Gone Girl“ steht noch weitaus mehr als zum Beispiel in Filmen wie „The Game“ oder „Zodiac“, denn in der perfekt durchexerzierten Hölle von Drehbuchautorin (und Autorin des Buches) Gillian Flynn kann man überhaupt niemandem trauen. Warum weiß Nick nur so wenig über seine Frau? Was hat einer der Exfreunde von Amy bei der Suchaktion zu suchen? Ist Amy wirklich so unschuldig wie ihre Tagebucheinträge es vermuten lassen?

Im Gegensatz zur Romanvorlage, die ganze acht Wochen die Bestsellerliste der New York Times anführte, wurden für den Film einige Änderungen vorgenommen. Die verstrickte Erzählweise (ca. fünfzig Prozent werden aus der Sicht Nicks, die anderen fünfzig aus der Sicht von Tagebucheinträgen Amys erzählt) wird für den Film entzerrt. Haupthandlung ist hierbei die Geschichte von Nick, doch um die komplette Geschichte auszubreiten, wird der Zuschauer über die Tagebucheinträge Amys (die aus dem Off Erklärungen abliefert) immer wieder in die Vergangenheit geschickt, um mehr über die Anfänge der Beziehung zu erfahren und wie es überhaupt so weit kommen konnte. Diese Erzählweise ist dabei nicht nur clever und überaus spannend, sondern auch ein Mittel für Fincher um ein Abziehbild der Institution Ehe zu erschaffen (denkt an den kursiv markierten Satz!!!).

Bevor Fincher etwa in der Hälfte des Films mit der ersten großen Wendung um die Ecke kommt, hat der Zuschauer ein erstes deutliches Bild der beiden Hauptfiguren erlangt. Vor allem Ben Afflecks („Argo“) Nick Dunne wird als extrem unterkühlter und irgendwie nur wenig geschockter Ehemann portraitiert. Doch spätestens wenn die (rechten) amerikanischen Medien ihn verfrüht als Schuldigen und Mörder ausmachen bröckelt die Fassade und der Zuschauer sieht das wahre Gesicht des Journalisten. Dasselbe gilt für die als vermisst geltende Amy, verkörpert von Rosamund Pike, aus Spoilergründen wird hier jedoch nicht mehr verraten. Nach und nach wird so zwischen verschiedenen Genres hin und her gewechselt und die oben genannten Wendungen sind dabei der nötige Auslöser für Fincher um einen anderen Erzählton anzuschlagen. Das dabei immer tiefer in die dunkelsten Abgründe der menschlichen Seele vorgedrungen wird, bemerkt der Zuschauer fast nicht. Erst im letzten Filmdrittel wird einem das komplette Ausmaß der Geschichte bewusst und die Bösartigkeit, die Härte und die Brutalität sind dabei fast nicht zu ertragen (denkt an den kursiv markierten Satz!!!). Gepaart mit dem einmal mehr überragenden Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross (Oscar für die Filmmusik von „The Social Network“) ergibt sich eine Stimmung die seinesgleichen sucht.

Schauspieltechnisch macht David Fincher nie halbe Sachen (sowohl Rooney Mara für „Verblendung“ als auch Jesse Eisenberg für „The Social Network“ konnten eine Oscarnominierung einheimsen). So ist auch das Casting von „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ überragend. Ben Affleck gibt den unterkühlten Nick Dunne mit einer derartigen Kaltschnäuzigkeit und Emotionslosigkeit dass man sich fast an Pulp-Filme erinnert fühlt. Die beste Leistung des Thrillers und ihrer bisherigen Karriere liefert aber definitiv Rosamund Pike („Stolz und Vorurteil“) ab. Kalt und unnahbar, verletzlich aber stets kontrollierend, liebend aber gleichzeitig auch berechnend, Pike liefert eine grandiose Vorstellung ab, die (wenn alles mit rechten Dingen zugeht) mit einer Oscarnominierung, wenn nicht sogar mit einer Auszeichnung gekrönt werden sollte. Auch für zweiten Reihe wurden durchweg namhafte Darsteller verpflichtet. Grandios sind hierbei die Leistungen von Tyler Perry („Madea goes to Hollywood“) und Neil Patrick Harris („How I met your Mother“) die man so überhaupt nicht in einem derartigen Film vermutet hätte, sich aber schlussendlich perfekt einfügen.

Fazit: David Fincher hat es wieder einmal geschafft. „Gone Girl – Das perfekte Opfer“ ist ein ebenso wirkungsvolles wie niederschmetternd-brutales Meisterwerk – ein Monster von einem Film.

Wertung: 10/10 Punkten

Regisseur: David Fincher Drehbuch: Gillian Flynn Schauspieler: Ben Affleck; Rosamund Pike; Neil Patrick Harris; Tyler Perry; Carrie Coon Erscheinungsjahr: 2014 Produktionsland: USA Länge: ca. 149 Minuten

2 thoughts on ““Gone Girl – Das perfekte Opfer” – Kritik

  1. Ich bin ja mal sehr gespannt und auch noch sehr skeptisch, was diesen Film angeht. Das Buch hat mich da nämlich ziemlich verschreckt… und zwar in der Hinsicht, dass ich den eingebauten Twist (ich gehe stark davon aus, dass der so auch im Film vorhanden sein wird) ziemlich öde fand. Da hat Flynn aus einer spannenden Who-dunnit-Story etwas gemacht… für das ich einen Begriff habe, der hier aber andere Leser spoilern würde… ich fand das Buch auf jeden Fall sehr enttäuschend und hoffe, dass Fincher da vielleicht etwas retten kann.

    1. Ich kann dich verstehen. Dass Buch war vollkommen anders als vieles, dass ich davor gelesen habe. Es hat mich aber auch auf seine Art und Weise begeistert, einfach weil es so anders war und ja du hast Recht, den Twist musste er natürlich übernehmen. Das heißt aber nicht dass es nicht in den kompletten Fluß der Geschichte im Film perfekt reinpassen würde, denn obwohl ich das Buch gelesen hatte und wusste was kommt, war ich trotzdem total schockiert und gegen Ende wurde die Stimmung fast unaushaltbar. Ich bin gespannt was du von dem Film hälst :)

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